VB059 Manchester (vor Ort)

Die erste Industriestadt der Welt

Mancs everywhere: Wie ein römisches Fort zur Wiege der Industriellen Revolution wurde. Von Briganten, Baumwolle und Bibliotheken. Wo Marx und Engels aus ihren Erfahrungen Kapital schlugen, Züge erstmals fahrplanmäßig verkehrten, und sich viele Nobelpreise um einen gemeinsamen Kern drehten. Mit vielen Museen, ganz wenig Fußball und nur einer künstlichen Befruchtung. QED.

Zu Beginn wird aus aktuellem Anlass noch einmal das Regency Café in London aus Folge 55 erwähnt.

Zum Thema Manchester beginnen wir mit der geographischen Lage in Nordengland, nördlich des Flusses Trent und von Wales (siehe Folge 30) und den Midlands. Erwähnt werden die M62 von Liverpool an der Mündung des Flusses Mersey in die Irische See über Manchester und Leeds nach Hull, sowie Sheffield.

Zur Geschichte der Stadt geht es erst um Briganten, Römer und die Überreste ihres Forts im Stadtteil Castlefield. Natürlich kommen auch wieder die Sachsen, die Normannen und das Altenglische (siehe Folge 53) vor. Im 14. Jahrhundert kommen dann die Weber aus Flandern, die Manchesters Textilindustrie begründen. 1421 begründet Thomas de la Warre die Gebäude, die heute die Manchester Cathedral, die Chetham’s School of Music und die Chetham’s Library beherbergen, letztere dank der Stiftung von Humphrey Chetham.

Zum Thema Industrie und Industrielle Revolution kommt Baumwolle ins Spiel, der Bridgewater Canal, die Liverpool and Manchester Railway, der Manchester Ship Canal und schließlich das Industriegebiet Trafford Park. Hier stellte Metropolitan-Vickers im Zweiten Weltkrieg auch Manchester- und Lancaster-Bomber her, angetrieben von Rolls-Royce-Motoren der Ford-Werke. Es machte Manchester aber auch zum Ziel des Manchester Blitz zu Weihnachten 1940. Neben dem allgemeinen Niedergang der Textil- und Schwerindustrie machte die Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher Manchester zu schaffen.

Zur Wirtschaftsgeschichte hat Manchester den Manchester-Liberalismus beigetragen, die Inspiration für Friedrich Engels “Die Lage der arbeitenden Klasse in England”, einen der Arbeitsorte von Engels und Karl Marx für Das kommunistische Manifest, und es ist einer der Geburtsorte der britischen Gewerkschaften, der Frauenrechtsbewegung und der linksgerichteten britischen Parteien. Hieran war mit die Position Manchesters im Englischen Bürgerkrieg schuld, nach dem die Bewohner der Stadt 200 Jahre lang ohne politische Vertretung im Parlament dastanden.

Im Zusammenhang mit Wissenschaft und Technik und der Universität Manchester werden erwähnt John Dalton und seine Atomtheorie, die “nuclear family“, die mit dem Nobelpreisträger Joseph John Thomson (Entdecker des Elektrons, Erfinder des Massenspektrometers) begann, und die unter anderem Ernest Rutherford (Entdecker des Protons, erste Kernspaltung), Niels Bohr, Hans Geiger (Geigerzähler), Ernest Marsden, John Cockcroft, James Chadwick (Entdecker des Neutrons) und George Paget Thomson umfasste. Weiterhin fallen Bernard Lovell (Vater der Radioastronomie), George E. Davies (Begründer des Chemieingenieurwesens), Alan Turing (Mitarbeiter an den Manchester-Computern mit integriertem Speicher, siehe auch Folge 22), das erste Baby, das mit künstlicher Befruchtung auf die Welt kam, sowie Andre Geim und Konstantin Novoselov (Erfinder des Graphens).

Als praktische Reisetipps werden erwähnt der Flughafen Manchester, das Metroshuttle, die John Rylands Library, das Museum of Science and Industry (MOSI), das People’s History Museum, das Manchester Museum (nicht vergleichbar mit dem Londoner National History Museum), das Imperial War Museum North, das National Football Museum und natürlich die Fußballclubs Manchester City (mit dem Etihad Stadium bzw. City of Manchester Stadium) und Manchester United (mit dem Old Trafford Stadium).

An kulinarischen Empfehlungen gibt es das Pie & Ale im Northern Quarter und Try Thai in Chinatown.

Zur Konferenz QED fallen viele Hinweise zu Folge 34, wie die Merseyside Skeptics Society, der Kampf Simon Singhs gegen den Britischen Chiropraktikerverband und die Aktion 10:23 gegen Homöopathie. Bei der diesjährigen Veranstaltung traten u.a. auf Richard Wiseman, Ryan Bell und A. C. Grayling, und natürlich wurden auch wieder die Ockham Awards verliehen. Die nächste, sechste QED-Konferenz soll im Oktober 2016 stattfinden.

Zum Abschluss wird die Geburt Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Charlotte Elizabeth Diana of Cambridge erwähnt, sowie die Unterhauswahlen am 7. Mai, über deren Ausgang Haris Trgo ab 22 Uhr deutscher Zeit live im Nous Club seine “UK Election Night Passion” streamt.

Die nächste Folge von Viva Britannia erscheint urlaubsbedingt erst in am 31. Mai.

VB058 Tee

Das liebste Getränk (nicht nur) der Briten

Tee, Earl Grey, heiß. Wie das bittere Kraut der Chinesen auf die Insel kam und nebenbei für mehrere Kriege sorgte. Von portugiesischen Prinzessinnen, falschen Indianern, amtlichen Drogenschmugglern und amerikanischen Frühstückstees. Wo statt Eulen nach Athen Tee nach Indien gebracht wird, Pyramiden in Tassen landen, Peter Sellers sich zum Affen macht, und man sich immer wieder über Milch streitet. Und dazwischen immer wieder Steuern, Steuern, Steuern.

Zum Thema Tee geht es zunächst grundsätzlich um die Teepflanze (camellia sinensis) selbst, um die frühe Geschichte des Getränks in China und seinen Weg über Portugal auf die Insel im 16. Jahrhundert. Hierbei fallen die Namen von König Charles II., seiner Gattin Katharina von Braganza und unserem alten Bekannten Samuel Pepys (siehe insbesondere Folge 39). Die East India Company (siehe ebenfalls Folge 39) spielt auch wieder eine gewichtige Rolle.

Der älteste “tea room” der Insel ist Twinings of London, 1706 gegründet von Thomas Twining in 216 Strand, London. Heute gehört diese älteste Marke der Insel zu Associated British Foods.

Die 1767 von Charles Townshend unter anderem für Tee eingeführten Sonderabgaben sorgten für Unmut in den britischen Kolonien und führten unter anderem im Massaker von Boston 1770. Es folgten der Tea Act von 1773 unter Premierminister Frederick North, die “Boston Tea Party” mit dem unnachgiebigen Gouverneur Thomas Hutchinson und schließlich der amerikanische Unabhängigkeitskrieg und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.

Ein paar Jahrzehnte später kam es wegen Tees auf der anderen Seite der Welt zu den Opiumkriegen und der Entwicklung des Tee-Anbaus in Indien. Dort entdeckte man den Assam-Tee, und am 10. Januar 1839 wurde der erste aus Indien eingeführte Tee in London versteigert. An der Ansiedlung chinesischer Teepflanzen in Darjeeling waren unter anderem der Sanatoriumsleiter Dr. A. Campbell und der Botaniker Robert Fortune beteiligt.

Bei der Verarbeitung von Tee sprechen wir über Koffein, flushs (Blühvorgänge) und tips (Spitzen), womit vor allem die Knospe und die beiden obersten Blätter (two leaves and the bud) gemeint sind. Durch unterschiedliche Beeinflussung der Oxidation – also dem enzymatischen Abbau von Chlorophyll und der Abgabe von Tanninen – entstehen verschiedene Teesorten wie weißer Tee, grüner Tee, Oolong oder Schwarztee. Aromatisiert werden Tees zum Beispiel mit Jasminblüten oder mit Öl aus der Schale der Bergamotte, was den bekannten Earl Grey ergibt, der aber nur der Legende nach etwas mit Premierminister Charles Grey zu tun hat.

Die einzige Tee-Plantage in Großbritannien ist das Tregothnan-Anwesen in Cornwall (siehe auch Folge 41).

Zum Genuss von Tee geht es dann noch um die amerikanische Erfindung des Teebeutels und des “English Breakfast Teas“, um den Ostfriesentee, um “Bauarbeitertee” (builder’s tea; siehe auch das Londoner Regency Café aus Folge 55) und die Verwendung von Milch mit Tee im allgemeinen.

Die bekannteste Tee-Marke der Insel ist PG Tips aus Manchester. Bekannt geworden ist sie unter anderem durch Tetraeder-Teebeutel (pyramid bags), die “Tipps-Familie” mit Schimpansen (inkl. Peter Sellers), die “T-Birds” von den Aardman Animations (die auch “Wallace & Gromit” und “Shaun das Schaf” erfanden), sowie den Komiker Johnny Vegas und “Monkey“.

Für weitere Informationen zur Geschichte indischen Tees sei auf das WDR5-Zeitzeichen vom 10. Januar 2014 von Martina Meissner verwiesen.

VB055 Bits & Bobs 5

Was zu den bisherigen Folgen noch zu sagen ist

Hier wird fleißig ergänzt und gelegentlich korrigiert. Von seltenen Scheinen und überbewerteten Münzen, zeitlichem Synchronspringen und synchronen Zeitmessern, ganz einfachem und recht unverständlichem Englisch. Wo Brot kurz ist und Kekse verdauungsförderlich, wo Churchills Blut unter den Hammer kommt und Verstorbene in Bahnansagen weiterleben. Mit geschlossenen Bars, beliebten Cafés, hohen Tischen und niedrigen. Und beweisen könnt Ihr mir gar nichts!

Ergänzt und korrigiert wir hier jeweils zu den Themen der folgenden Episoden…

VB026 Maße: 100-Pfund-Noten in Schottland, Nordirland, Jersey und Gibraltar, 1.000-Pfund-Münze zum 60jährigen Thronjubiläum von Königin Elizabeth II.

VB005 Pubs / VB045 Reiseplanung: Trinkgeld (Details siehe hier), service charge, service not included, Zeitzone, Zeitumstellung (in der EU und in den USA).

VB046 Rechtliches: Das schottische Urteil not proven (mit dem berühmten Totschlag des Earls of Strathmore durch James Carnegie of Finhaven).

VB047 Popmusik: Lob für Erik Wenk!

VB048 London: Mind the gap in der Londoner U-Bahn (u.a. mit den Sprechern Peter Lodge und Oswald Laurence), die ehemalige Paramount Cocktailbar im Hochhaus Centre Point, das Regency Café, CAMRA und der Good Beer Guide (auch als App).

VB008 Essen / VB049 Essen 2: High tea, digestives (v.a. von McVitie’s), shortbread (v.a von Walkers).

VB051 Zeit: Die Präzisions-Pendeluhr von William Hamilton Shortt.

VB052 Winston Churchill: Churchills Blut wird versteigert.

VB053 Sprache: Plain English, Sir Ernest Arthur GowersPlain Words, Plain English Campaign (PEC)Cockney, Cockney rhyming slangMy Fair Lady (mit Eliza Doolittle und Professor Higgins), Michael Caine, Gary Oldman, Ben Kingsley, Amy Winehouse, Phil Collins, die Sex Pistols, der Film Lock, Stock & Two Smoking Barrels von Guy Ritchie und die Aussprache von “Southwark”.

Am Ende wird noch einmal kurz Svens Patreon-Seite erwähnt und der jmb-Verlag, wo auch das zweite Viva-Britannia-Buch erscheinen wird.