VB065 Malerei

Vom Mittelalter bis zu den Romantikern

Mehr als nur William Turner: Höhepunkte der britischen Malerei bis 1850. Von Bilderstürmern, Krankenhauskunst und Pferdeporträts. Wo des Königs liebster Maler nicht Hofmaler wird, englische Adelige auf große Kultour gehen und die Franzosen den Wert eines Heuwagens erkennen. Wie der Urvater der Comics das Urheberrecht verbesserte und was Hannibal Lecter mit den Doors verbindet.

Eine Sendung über die Malerei im Vereinigten Königreich. Von religiösen Werken aus dem Mittelalter ist nach dem Bildersturm der protestantischen Reformation nicht mehr viel erhalten, nur vereinzelt Buchmalerei wie in der Winchester Bible oder Tafelbilder wie das Westminster Retable. Danach beherrschten zunächst Maler vom Kontinent die Szene, wie Hans Holbein der Jüngere als Hofmaler von Heinrich VIII. oder Peter Paul Rubens, der von Kunstsammler Charles I. (enthauptet 1649 nach dem Englischen Bürgerkrieg) als erster Maler zum Ritter geschlagen wurde. Die jungen reichen Briten gingen als Teil ihrer kulturellen Ausbildung lange Zeit auf die grand tour durch Europa.

Im Barock malte James Thornhill einen Speisesaal des von Königin Mary II. initiierten und Christopher Wren entworfenen Greenwich Hospital (siehe Folge 51) aus, der seitdem nur als Painted Hall bekannt ist. Daneben war er an der Innenausstattung der St. Pauls Cathedral und diverser Privatresidenzen beteiligt.

William Hogarth war Thornhills Schüler und Schwiegersohn. Er ist für satirische Kupferstiche bekannt wie seine modern moral subjectsdie Marriage a-la-mode oder Beer Street und Gin Lane, die vermutlich im Auftrag von Henry Fielding (siehe Folge 64) entstanden sind. Als Pionier der westlichen “sequentiellen Kunst” gilt Hogarth als einer der Väter des Comics. Außerdem ist er für das zweite Urheberrechtsgesetz der Geschichte verantwortlich, den Engraver’s Copyright Act 1734, der das Statute of Anne  1709 von Büchern auch auf Kupferstiche ausweitet.

Der Porträtist Thomas Gainsborough arbeitete vor allem im Städtchen Bath. Sein bekanntestes Bild ist The Blue Boy (Der Knabe in Blau), das Johnathan Buttall in einem blauen Kostüm des 17. Jahrhunderts zeigt, so wie Gainsboroughs großes Vorbild Anthonis van Dyck 100 Jahre zuvor einen Jungen in Rot gemalt hatte. Das Gemälde ist heute im Nachlass von Henry E. Huntington bei Los Angeles zu besichtigen. Später porträtierte Gainsborough auch George III. und dessen Gattin Charlotte, zum Hofmaler wurde er aber nicht ernannt.

Die Ehre der Ernennung zum Hofmaler ging an Gainsboroughs Rivalen Joshua Reynolds. Beide waren frühe Mitglieder der Royal Society of Arts und Begründer der Royal Academy of Arts. Reynolds wurde für die Übertragung des grand style aus der Historienmalerei in die Porträtmalerei bekannt.

George Stubbs war der Sohn eines Gerbers und interessierte sich für Malerei und Anatomie gleichermaßen. 1766 veröffentlichte er The Anatomy of the HorseNebenbei malte er zahlreiche Tierporträts, vor allem von Pferden, aber auch die erste Darstellung eines Kängurus und eines Dingos.

Der bedeutendste deutsche Maler der Romantik war Caspar David Friedrich. Bei den britischen Landschaftsmalern war dies zum einen John Constable, der vor allem Landschaften in Sussex und Essex verewigte und sich sehr für Meteorologie interessierte. Sein bekanntestes Werk ist The Hay Wain (Der Heukarren), der dank Théodore Géricault beim Pariser Salon ausgestellt wurde, worüber Constable in Frankreich deutlich bekannter wurde als in England. Er beeinflusste auch Auguste Delacroix, die Schule von Barbizon und die späteren Impressionisten. Heute hängt “Der Heukarren” in der National Gallery und die dazugehörige Ölskizze im Victoria and Albert Museum (siehe Folge 62). Laut BBC-Umfrage von 2005 ist es das zweitbeliebteste Gemälde der Insel.

Das beliebteste Gemälde der Insel laut der gleichen Umfrage ist The Fighting Temeraire (Die letzte Fahrt der Temeraire) von Joseph Mallord William Turner. Es zeigt die aus der Schlacht von Trafalgar bekannte HMS Temeraire auf der letzten Fahrt vor dem Abwracken. Es ist Turners spätes Lieblingsgemälde. Sein erstes ausgestelltes Ölgemälde war Fishermen at Sea (Fischer auf See). Privat lebte Turner die letzten 18 Jahre seines Lebens bei seiner Geliebten Sophia Booth. Nach seinem Tod wurde er in der St. Pauls Cathedral direkt neben Joshua Reynolds beigesetzt. Alle seine unverkauften Werke vermachte er dem britischen Volk. Die größte Sammlung von Turner gibt es in der Tate Gallery. Die Temeraire hängt wie Constables “Heukarren” in der National Gallery. Um den älteren William Turner geht es auch in dem Film Mr. Turner von Mike Leigh von 2014, mit Timothy Spall in der Hauptrolle.

Der letzte Romantiker dieser Folge ist der Mystiker William Blake. Seine dichterischen und malerischen Visionen stießen bei Okkultisten wie Aleister Crowley (siehe Folge 57) auf Interesse, besonders aber auch in der Gegenkultur der 1950er und 1960er. Anleihen findet man z.B. bei Bob Dylan, Allen Ginsberg, Van Morrison, U2 und Tangerine Dream. Aldous Huxley benannte das Buch The Doors of Perception (1954) über seine Drogenerfahrungen mit Meskalin nach einem Zitat von Blake, und von da übernahm Jim Morrison den Namen wiederum für seine Band The DoorsDas Blake-Gemälde The Great Red Dragon and the Woman Clothed In Sun (Der große rote Drache mit der von der Sonne bekleideten Frau) zur Offenbarung des Johannes spielt eine tragende Rolle im Hannibal-Lecter-Roman “Roter Drache” von Thomas Harris und damit auch in zwei Filmen und der aktuellen dritten Staffel der Fernsehserie Hannibal.

Um britische Maler nach 1850 – wie die Präraffaeliten, Francis Bacon, David Hockney und Damien Hirst – wird es in einer späteren Folge  gehen.

VB051 Zeit

Britische Geschichten zur Zeitmessung

Was auf die Uhren: Ganz ohne Hemmungen durch die Geschichte der Zeitmessung. Von westenglischen Kathedralen, niederländischen Pendeln und französischem Meridian-Neid. Wie ein Tischler das Längenproblem löste, die Mätressenresidenz von Heinrich VIII. zum Zentrum unserer Zeitrechnung wurde und eine Familie ein Jahrhundert lang vom Zeitverkauf lebte.

Zum Thema Zeitmessung geht es erst einmal um Elementaruhren wie ägyptische Obeliske oder Wasseruhren sowie um Ferdinand Magellan. Im Mittelalter entstanden die alten Kathedralenuhren von Salisbury (um die Ecke von Stonehenge) und Wells, möglicherweise gebaut vom Mönch John Leland. Letztere Uhr steht heute im Science Museum in London.

Die Pendeluhr wurde von Galilei Galilei erdacht, von Christiaan Huygens konzipiert, von Salomon Coster gebaut und unter anderem von John Fromanteel nachgebaut. Robert Hooke von der Royal Society hatte hierzu die Anker-Hemmung und die Unruh beizutragen, auch wenn Huygens letztere patentierte.

Das Längenproblem wurde nicht erst bei der Schiffskatastrophe von Scilly offensichtlich und führte 1714 zur Einsetzung des Board of Longitude. Die Monddistanz-Methode zur Lösung des Problems wurde u.a. von Nevil Maskelyne favorisiert, dem späteren Astronomer Royal. Demgegenüber arbeitete der Tischler John Harrison Zeit seines Lebens an der Erfindung eines seetauglichen Chronometers, wobei er nebenbei die Grashüpfer-Hemmung und das Rostpendel erfand. Gönner von Harrison waren unter anderem Edmond Halley, George Graham und König George III. Die H4 bzw. Sea Watch No. 1 brachte ihm den endgültigen Durchbruch. Larcum Kendall baute dann die offiziellen Kopien, die James Cook bzw. die HMS Bounty treu begleiteten. Die Worshipful Company of Clockmakers setze Harrison ein Grabmal, und seine Uhren sieht man vor allem im National Maritime Museum in Greenwich. Seine Geschiche erzählt Dava Sobel in ihrem Buch “Längengrad”, auch verfilmt mit Jeremy Irons und Michael Gambon.

In Greenwich stand mal der Palace of Placentia, und im dortigen Kastell brachte Heinrich VIII. seine Mätressen unter. Nach dem englischen Bürgerkrieg ließ Charles II. vieles umgestalten. Christopher Wren entwarf das Royal Observatory und im Auftrag von Mary II. das Greenwich Hospital, das später zum Royal Naval College wurde und heute teilweise die University of Greenwich beherbergt. Das alles ist UNESCO-Welterbe war Drehort für den Endkampf in Thor: The Dark World. Andere Landmarken in Greenwich ist das alte Elektrizitätswerk und das O2 (früher: The Millenium Dome).

Greenwich als Ort des Nullmeridians ist seit der International Meridian Conference 1884 festgelegt, und damit die Greenwich Mean Time (GMT) als Standardzeit, heute abgelöst durch die Universal Coordinated Time (UTC). Zur Synchronisierung seiner Uhr konnte man früher visuell ein Zeitball verwendet, wie er von Robert Wauchope erstmals in Portsmouth eingeführt wurde, oder man nutze einen Dienst wie den von Ruth Belville, die als “Greenwich Time Lady” in die Geschichte einging und in einer Folge des WDR-Zeitzeichens gewürdigt wurde.

Im Vorübergehen werden an früheren Viva-Britannia-Folgen erwähnt VB007 zur WissenschaftVB0026 zu Maßen und VB039 zur Seefahrt.